Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Gift-Skandal

Der Skandal um Dioxin in Lebensmitteln nimmt immer größere Ausmaße an – und die Situation für Verbraucher ist nach wie vor unklar. Welche Gefahren drohen durch den Verzehr von verseuchten Lebensmitteln? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Es ist einer der größten Giftskandale der vergangenen Jahre: Bis zu 3000 Tonnen dioxinverseuchtes Fett wurden laut Bundeslandwirtschaftsministerium an 25 Futtermittelhersteller in mindestens vier Bundesländern geliefert. Wo das Gift von dort aus hingelangte und welche Mengen an Nahrungsmitteln belastet sind, ist weitgehend unklar. Verbraucher reagieren zunehmend verunsichert: Der Verkauf von Hühnereiern ist „spürbar“ gesunken, teilte die landwirtschaftliche Marktberichterstattungsstelle MEG mit.

Welche Gefahren drohen durch die Einnahme von Dioxin? Welche Vorsichtsmaßnahmen können getroffen werden? SPIEGEL ONLINE gibt Antworten auf sieben Fragen.

Wie ist das Dioxin in Eier und Tierfutter gelangt?

Die Futtermittelfirma Harles & Jentzsch aus Schleswig-Holstein soll für Futter auch Mischfettsäure verwendet haben, die aber für technische Zwecke bestimmt war. Das Unternehmen stellt Futterfett für Geflügel, Rinder und Schweine her. Zu Lieferanten zählt der Biodieselhersteller Petrotec aus Nordrhein-Westfalen. Das Futtermittel – und damit auch Dioxin – ging an zahlreiche Höfe in mehreren Bundesländern. Ende Dezember informierte Harles & Jentzsch die Behörden in Kiel und Hannover über zu hohe Dioxinwerte. Unklar ist, ob der Einsatz der Fettsäure ohne böse Absicht passierte oder vorsätzlich. Industriefette sind billiger als Futtermittelfette.

Wie hoch ist die Dioxinbelastung in den betroffenen Eiern?

Der Fall wurde öffentlich, als in der vergangenen Woche in zwei nordrhein-westfälischen Betrieben Dioxin in Eiern und Hühnerfleisch gefunden wurde. Dabei waren einige Eierproben gemessen an dem EU- Grenzwert mehr als doppelt so stark mit Dioxin belastet wie erlaubt. Noch ist unklar, wie viele belastete Produkte insgesamt an Bauernhöfe und von dort auch in den Handel gelangt sind. Die zuständigen Behörden hatten Rückrufaktionen angeordnet, um Verbraucher zu schützen.

Besteht Gesundheitsgefahr durch den Eier-Verzehr?

Nein. Die endgültigen Ergebnisse dioxinbelasteter Produkte aus den Labors der Bundesländer stehen zwar noch aus, Experten sehen aber keine Gefahr. „Es deutet vieles darauf hin, dass hier keine exorbitant hohen Konzentrationen in den Lebensmitteln gefunden werden“, sagt der Leiter für Futtermittel beim Bundesinstitut für Risikobewertung, Helmut Schafft. In Eiern dürfen höchstens drei Pikogramm Dioxin pro Gramm Fett, also drei Billionstel Gramm, vorhanden sein. Das ist der Grenzwert in der Europäischen Union. Die bislang ermittelten Dioxingehalte stellten „keine akute Gesundheitsgefahr für Verbraucher“ dar, erklärte ein BfR-Sprecher. „Wer Eier gegessen hat, muss sich um seine Gesundheit deswegen keine Sorgen machen.“ Selbst ein Kind mit einem Körpergewicht von 15 Kilogramm könne das bislang am stärksten belastete Ei verzehren, ohne die tägliche duldbare Dioxinmenge zu erreichen.

Kann man die Einnahme von Dioxin vermeiden?

Nein. Dioxin ist praktisch überall vorhanden. „Wir können auch mit noch so strengen Maßnahmen nicht verhindern, dass wir Dioxine über unsere Lebensmittel aufnehmen“, sagt Experte Schafft. Vor allem Nahrung tierischer Herkunft wie Fisch, Fleisch und Milch kann belastet sein. Das Gefährliche an Dioxin ist die Langzeitwirkung. Mensch und Tier reichern Dioxine im Fettgewebe und in der Leber an, die Substanzen können kaum abgebaut werden. Mit zunehmendem Alter steigt so die Belastung, auch wenn im nur geringe Einzelmengen aufgenommen werden.

Welche Symptome verursacht eine Dioxinvergiftung beim Menschen?

Dioxine sind hochgiftig. Das gefährlichste und bekannteste ist das auch als Seveso-Gift bekannte TCDD (2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin). Im Tierversuch kann es schon in einer Konzentration von einem Millionstel Gramm pro Kilogramm Körpergewicht tödlich sein. Unbekannt ist, welche Dosis für den Menschen tödlich ist. Beim Chemieunfall im italienischen Seveso 1976 kamen nur kleinere Tiere um. Knapp 200 Menschen litten anschließend unter Chlorakne, dem Hauptsymptom einer akuten Dioxinvergiftung. Zudem können Dioxine das Wachstum von Krebstumoren stark beschleunigen. Ob sie auch Krebs in nicht vorbelasteten menschlichen Körperzellen auslösen können, ist nicht abschließend geklärt.

International große Aufmerksamkeit fand der Dioxin-Anschlag auf den ukrainischen Politiker Wiktor Juschtschenko, der 2004 nur knapp mit dem Leben davonkam. Die Bilder seines von Chlorakne entstellten Gesichts gingen um die Welt. Das Attentat wurde 2009 in einer Studie aufgearbeitet; die Forscher sprachen von einem medizinischen Modellfall. Das TCDD war demnach im Labor hergestellt worden und extrem rein. Die Dioxinkonzentration in Juschtschenkos Körper habe das 50.000-Fache des Normalwerts betragen.

Welche Konsequenzen könnte der aktuelle Dioxin-Skandal haben?

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) lässt prüfen, ob die Herstellung von Produkten für technische Zwecke getrennt werden kann von der Futtermittelherstellung. Möglich wäre das durch eine örtlich getrennte Produktion, aber auch durch den Einsatz von Farbstoff für die technischen Produkte. Verbände und Politiker fordern auch mehr Kontrollen und eine bessere Rückverfolgung der Herstellung von Futtermitteln. Die Verbraucherschützer von Foodwatch dringen darauf, alle Zusätze von Futtermitteln zu kontrollieren.

 

 

Gab es früher schon Dioxin-Skandale?

Erst im Frühjahr 2010 war dioxinbelastetes Bio-Futtermittel in zahlreiche Bundesländer geliefert worden. Auch damals wurden Höfe gesperrt. Belasteter Mais soll von einem niederländischen Unternehmen von Nordrhein-Westfalen aus in mehrere Bundesländer verkauft worden sein. Die Ukraine hatte zurückgewiesen, dass sie das belastete Hühnerfutter lieferte. 2003 gab es Dioxin-Alarm in Thüringen: Weil eine defekte Trocknungsanlage noch in Betrieb war, wurde Futtermittel verseucht. Hunderte Betriebe in Deutschland und den Niederlanden wurden gesperrt, Tausende Schweine geschlachtet.

mbe/dpa/AFP

 

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·         Dioxin – müssen die Kontrollen verstärkt werden?
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